Der Verein der „Freunde und Förderer des Max-Samuel-Hauses e. V.“ lädt alle Interessierten zur Enthüllung des 98. Denksteins in Rostock ein.
Arthur Gimpel wurde am 19. Juni 1881 als Sohn des Kaufmanns Moritz und seiner Frau Clara in Rostock geboren. Er übernahm das Geschäft „J. Gimpel & Söhne – Productenhandlung“ Am Wendländer Schilde 5 von seinem Vater. Das Geschäft, in dem Rohprodukte (Rohwolle, Häute, Felle, Altmetalle, Alteisen) ge- und verkauft wurden, hatte sein Großvater gegründet und beschäftigte zeitweise bis zu 10 Angestellte. Seine drei jüngeren Brüder Richard, Otto und Paul wurden ebenfalls Kaufleute.
Die Firma „J. Gimpel & Söhne“ taucht im Rostocker Adressbuch schon zu Beginn der 1870er Jahre auf. Die Familie Gimpel aus Neubukow gehörte zu den ersten jüdischen Familien, die sich nach der Gemeindegründung 1870 in Rostock niederließen.
Nach seiner Schulausbildung und der kaufmännischen Lehre arbeitete Arthur in der väterlichen Firma, um sie nach dessen Tod 1920 ganz zu übernehmen. Er heiratete 1909 Alma Pott. Sie trat vor der Hochzeit zum Judentum über. Das Paar bekam vier Söhne: Walter (1910-1995), Erich (1912-2001), Günter (1914-1991) und Hans-Joachim (1919-2006). Die Söhne erhielten alle eine kaufmännische Ausbildung, um das Familienunternehmen weiterzuführen. Die Familie lebte seit 1914 bis etwa 1933 nur wenige Meter entfernt vom Geschäft in der Hausnummer 10.
Am 1. März 1930 brach in der Productenhandlung Am Wendländer Schilde ein Feuer aus und vernichtete die Gebäude Nr. 5 bis 7, gotische Häuser aus dem 16. Jahrhundert. Die Familie und die Firma mussten in die Strandstraße 86 umziehen und firmierte nun als „Produktengeschäft“. Man musste sich verkleinern. Die Weltwirtschaftskrise hatte das Geschäft bereits schwer getroffen; der Brand verschärfte ihre wirtschaftliche Lage noch weiter. Die Machtübernahme durch die Nationalsozialisten 1933, die antijüdische Stimmung „Kauft nicht bei Juden“ sowie der Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April verschlechterten die Situation weiter.
Die „Nürnberger Gesetze“ 1935 waren ein weiterer Schritt Juden aus dem gesellschaftlichen Leben hinauszudrängen. Sie bestimmten, wer Jude war und somit unter die vielen antijüdischen Gesetze der Nationalsozialisten fiel, aber auch Möglichkeiten, sie zu umgehen. Möglicherweise konvertierte Alma Gimpel aus diesem Grund 1936 wieder zum Christentum, um ihrem Mann und den Söhnen zu helfen. Arthur überschrieb ihr die Firma in der Hoffnung, sie dadurch vor dem Zugriff der Nationalsozialisten und deren Gesetzgebung bewahren zu können. Doch die Maßnahme blieb erfolglos. Die Productenhandlung wurde 1938 aus dem Handelsregister gelöscht. Die Familie litt unter finanziellen Einschränkungen. Die Söhne fanden keine Anstellungen mehr und mussten im Tiefbau arbeiten.
In der Pogromnacht, in Rostock am 10. November 1938, wurde nicht nur die Synagoge in der Augustenstraße 101 in Brand gesetzt, sondern auch die Geschäfte und Wohnhäuser der jüdischen Einwohner zerstört und demoliert. Auch die Wohnung der Familie in der Strandstraße war davon betroffen.
Arthur und drei seiner Söhne wurden in den nächsten Tagen mit etwa 180 anderen jüdischen Männern aus ganz Mecklenburg in das Landeszuchthaus Alt-Strelitz in sogenannte Schutzhaft gebracht. Sie wurden dort zusammen mit verurteilten Verbrechern ohne Grund inhaftiert. Arthur wurde nach drei Wochen im Dezember 1938 entlassen. Erich, Günter und Hans-Joachim kamen erst im März 1939 wieder frei. Der älteste Sohn Walter war bis Januar 1938 im KZ Sachsenhausen in Haft. Alle vier Söhne konnten rechtzeitig vor Ausbruch des 2. Weltkrieges nach Großbritannien oder Shanghai fliehen.
Arthur und Alma blieben in Rostock zurück. Wohl, weil er als vorbestraft galt – er hatte eine Geldstrafe von 150 Mark nicht gezahlt – wurde Arthur im Juli 1942 nach Auschwitz deportiert. Eigentlich wäre er durch seine privilegierte Ehe mit einer Nichtjüdin vor einer Deportation sicher gewesen, wie die wenigen anderen jüdischen Männer und Frauen in Rostock.
Er wurde in Auschwitz sofort nach seiner Ankunft vergast.
Alma zog nach seiner Deportation zu Verwandten nach Wismar. Nach Ende des Krieges trat sie wieder zum jüdischen Glauben über. Sie starb 1969 in Rostock. Ihre drei Söhne, die in den 1940er Jahren in die USA ausgewandert waren, besuchten sie und den ältesten Sohn Walter, der wieder in Deutschland lebte.
Der Denkstein wird am letzten frei gewählten Wohnort in der Straße Am Wendländer Schilde 10 verlegt.
